Bericht zur Fachtagung "Rückkehr nach Afrika - Aber wie?"
Dirk van den Boom, International Consulting Services
In der Fachtagung „Rückkehr Afrika – aber wie?“ am 25.11.2009 trafen sich PraktikerInnen aus verschiedenen Organisationen und staatlichen Stellen, um Erfahrungen über bisherige Rückkehraktivitäten nach Afrika auszutauschen und neue Ansätze zu diskutieren. Nach einer Einleitung durch den Vertreter des nordrhein-westfälischen Innenministeriums, Herrn Rein-hard Münzer, in der dieser noch einmal knapp die bisherigen Anstrengungen des Landes im Bereich der Rückkehrförderung skizzierte, begann die Tagung mit einem Vortrag von Dr. Hermann Schönmeier (AGEF).
Der Fall Nigeria
Nach einer kurzen Vorstellung des Projekts IntegPlan erläuterte Dr. Schönmeier auf der Basis von Erkenntnissen, die er zusammen mit zwei Kolleginnen während eines Vorbereitungsaufenthaltes in Nigeria im September 2009 gesammelt hat, seine Einsichten in eine machbare Reintegrationsförderung im bevölkerungsreichsten afrikanischen Staat. Sein Plädoyer umfasste nicht zuletzt die Ablehnung der Idee, sozialstaatliche Verfahrensweisen aus Europa blindlings nach Afrika zu exportieren, sondern stattdessen ein klar definiertes, zeitlich abgegrenztes und einmaliges Angebot an Rückkehrer zu machen, das sich auf eine mögliche Existenzgründung im informellen Sektor konzentriert.
(Präsentation)
Vorbereitung auf Rückkehr in Deutschland
Die Vertreterinnen des Verbandes für interkulturelle Arbeit (VIA) stellten im Folgenden die Vorbereitungsarbeit ihrer Einrichtung im Großraum Düsseldorf und Duisburg dar. Sie erläuterten ihren Ansatz modularisierter handwerklich orientierter Kurztrainings sowie die damit verbundenen flankierenden Beratungsmaßnahmen und Begleitungsangebote. Da die ersten Ausgebildeten jetzt gerade erst ihre Zertifikate erhalten, konnte zwar zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussage über die Nutzung der erlernten Inhalte im Rückkehrland getroffen werden, in der Diskussion zeigten sich jedoch bereits interessante Anknüpfungspunkte mit der Arbeit anderer Akteure. (Präsentation)
Netzwerke aufbauen und nutzen
Karl-Heinz Ulrich vom „Heimatgarten Afrika“ stellte in seiner Präsentation die Notwendigkeit des effektiven Netzwerkens in den Vordergrund. Anstatt auf eine große Organisation in den Rückkehrländern zu bauen, betonte er den Einsatz von individuellen Kontaktpersonen, die fallorientiert auf vertraglicher Basis nebenberuflich Rückkehrer in ihren Heimatländern empfangen und beraten. Herr Ulrich beklagte das immer noch dominierende Nebeneinander vieler Initiativen, die eigentlich durch eine bessere Kommunikation nicht nur voneinander lernen, sondern auch ihre Serviceangebote verzahnen könnten. Er lud alle TeilnehmerInnen ein, den Kontakt zueinander zu suchen, um diese Vereinzelung gemeinsam zu überwinden. (Beitrag)
Einzellfallförderung in Afrika
Frau Dr. Karin Lutze von der AGEF stellte in ihrer Präsentation sowohl die Programmarbeit der AGEF generell, wie auch die Praxis der Einzelfallförderung in Afrika im speziellen dar. Auch hier lag der Schwerpunkt nicht auf der Etablierung von Strukturen, sondern auf der Identifikation einzelner Reintegrationsberater, deren Dienste man fallweise in Anspruch nehmen könne. Frau Dr. Lutze betonte, dass bei diesem Vorgehen zwar nicht immer die europäischen Ansprüche an Kontinuität und Kommunikation gestellt werden könnten, sich diese Vorgehensweise jedoch gerade bei geringen Rückkehrerzahlen als effizient herausgestellt habe. (Präsentation)
Rückkehr in Würde – was heißt das?
Im Gespräch mit Frau Patience Johnson, Vertreterin der „Nigerians in Diaspora Organisation“ (NIDO) wurde versucht, einmal die „andere Seite“ näher zu beleuchten. Auf die Frage, was denn wohl das Kennzeichen einer würdevollen Rückkehr sei, wies Frau Johnson vor allem auf die Notwendigkeit hin, nicht mit leeren Händen zurückkehren zu müssen – sowohl in Bezug auf die materielle Ausstattung, aber vor allem auch in Hinsicht auf eine berufliche Qualifikation. In Deutschland erworbene Kenntnisse seien hoch angesehen und würden die Chancen einer wirtschaftlichen Existenz erhöhen. Frau Johnson schilderte die hohen Erwartungen, die an Migranten gestellt werden, und die Rückkehrer oft nicht erfüllen können. Die Rolle der Großfamilie bei der Reintegration sei daher nicht grundsätzlich als positiv zu bewerten, manchmal würden nicht erfüllte Ansprüche dieser sogar möglicherweise entgegenstehen.
Die Erfahrungen aus der Schweiz
Delia Baumgartner vom schweizerischen Bundesamt für Migration und Odile Robert von IOM Schweiz präsentierten das seit 2005 laufende Rückkehrprogramm nach Nigeria, das im Rahmen der mit diesem Land abgeschlossenen Migrationspartnerschaft organisiert wird. Frau Robert betonte dabei die Notwendigkeit, Vertrauen für das Programm unter den potentiellen Rückkehrern schaffen zu müssen, da diese anfangs ein großes Misstrauen gegenüber den Versprechen der Unterstützung vor allem nach erfolgter Rückkehr hatten. Die Vortragenden legten dar, dass es letztlich vor allem die informelle, Mund-zu-Mund-Propaganda gewesen war, die neben den offiziellen Anstrengungen zur Informationsverbreitung dazu geführt hätte, dass die Rückkehrerzahlen jetzt kontinuierlich ansteigen würden. Berichtet wurde auch aus einer Evaluationsmission nach Nigeria, die eine große Zufriedenheit vieler Rückkehrer sowie eine positive vor allem wirtschaftliche Integration gezeigt hätte. Ergänzt wurde die Darstellung im Anschluss mit der Vorführung eines Informationsfilms des Bundesamtes für Migration, der die Praxis der Rückkehrhilfe von der Beratung bis zur Betreuung nach Heimreise nachvollziehbar visualisierte. (Präsentation_BMF , Präsentation IOM)
Abschlussrunde und Ausblick
In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurden viele der besprochenen Themen noch einmal aufgegriffen oder unter einem anderen Blickwinkel beleuchtet. Dafür standen Frau Dr. Lutze (AGEF), Frau Robert (IOM Schweiz) und Herr Lars Epping, Rückkehrberater des DRK, Rede und Antwort. Herr Epping betonte in seinem ersten Statement die wichtigsten Kriterien, die er an einen Counterpart im Rückkehrland anlegen würde. Er nannte hier vor allem Vertraulichkeit, Zuverlässigkeit sowie gewisse soziale Kompetenzen. Frau Lutze stellte aus ihrer Erfahrung die Herausforderungen dar, geeignetes Personal für solche Aufgaben im Rückkehrland zu rekrutieren. Sie wies vor allem darauf hin, dass die europäische „Beratungskultur“ in vielen Rückkehrländern eher auf Unverständnis stoße und daher nicht davon auszugehen sei, dass lokales Personal die Philosophie eines Reintegrationsprogrammes sofort nachvollziehen könne. Da es aber das Berufsbild des idealen Reintegrationsberaters nicht gäbe, sei hier eine manchmal mühevolle Arbeit der Personalauswahl und Personalweiterbildung notwendig. Frau Robert schilderte in diesem Zusammenhang die Rekrutierungspraxis von IOM und unterstützte die grundsätzlichen Aussagen ihrer Vorrednerin. Sie wies darauf hin, dass gerade die notwendigen sozialen Kompetenzen oft nur schwer „antrainiert“ werden können.
Die Diskussion drehte sich danach um die Frage des finanziellen Anreizes für eine freiwillige Rückkehr. Generell kamen die DiskutantInnen zu der übereinstimmenden Einsicht, dass eine gewisse Höhe sinnvoll und hilfreich sei, die Erfahrungen jedoch zeigen würden, dass man mit Geld allein niemanden zur Rückkehr motivieren könne. Herr Epping wies auf die besondere Schwierigkeit der Inkonsistenz verschiedener Länderprogramme in der Bundesrepublik hin, wodurch Rückkehrer je nach Wohnort in Deutschland sehr unterschiedliche Leistungen angeboten bekommen würden. Dies spreche sich herum und führe dann im Beratungsgespräch mitunter zu Ansprüchen, die nicht zu erfüllen seien. Frau Robert erläuterte die unterschiedlichen Auszahlungsmodalitäten von IOM und gab die Einschätzung, dass die Rückkehrer lieber weniger Bargeld zur freien Verwendung, dafür aber mehr Geld für die Existenzgründung vorziehen würden. Frau Dr. Lutze plädierte für einen sehr flexiblen Umgang mit Finanzhilfen, es müsse stärker auf den individuellen Fall abgehoben werden.
Nach einer kurzen Diskussion um die Perspektiven einer stärkeren Kooperation zwischen den EU-Mitgliedsstaaten in Bezug auf Reintegrationsprogramme, in der vor allem hervorgehoben wurde, dass die diesbezüglichen Einschätzungen sehr kontrovers seien und mit einer zeitnahen positiven Entwicklung nicht zu rechnen sei (trotz der in Arbeit befindlichen Mobilitätspartnerschaften), endete die Podiumsdiskussion mit Beiträgen aus dem Publikum. Hierbei wurde noch einmal die Frage der Definition von „Nachhaltigkeit“ im Kontext der Rückkehrförderung erörtert und es kam zu dem Appell, bei aller praktisch-methodischen Arbeit die Widersprüchlichkeit gerade der EU-Politik gegenüber den Rückkehrländern nicht zu vergessen und daher, wo möglich, auch diese notwendige politische Diskussion zu führen, da letztlich Migrationspolitik, Außenwirtschaftspolitik und Entwicklungspolitik inhaltlich nicht mehr voneinander zu trennen seien
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